Článek

Martin Valenta  Über Hauser´s Adorno

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O autorovi

Martin Valenta (1980), český historik a germanista. —- Na FSV UK vystudoval obor německá a rakouská studia (2003-2006, Mgr.) a moderní dějiny (2006-2010, PhD). Jeho odbornou specializací jsou komparativní dějiny 20. století (s akcentem na středoevropský prostor), fenomén nových sociálních hnutí a didaktika výuky moderních dějin.
Díla: Revoluce na pořadu dne. Kritická teorie Frankfurtské školy a její recepce v německém protestním levicovém hnutí 60. let 20. století, RAF a německé Straně zelených (2011).

Anotace

Recenze Martina Valenty na knihu Michaela Hausera Adorno a negativita.

            Die hier zu besprechende Veröffentlichung bietet eine originelle und kompetente Analyse des philosophischen Werkes von Theodor W. Adorno. Sie stellt sich die Frage, warum heute eigentlich wieder über Adorno geschrieben werden sollte. Das Buch ist in vier Teile gegliedert: 1) eine Einleitung über Adorno, die die Hauptsäulen seines Denkens erläutert sowie seine wichtigsten Deutungsmodelle, 2) eine Analyse von Adornos zentralem philosophischem Buch Negative Dialektik, 3) eine Analyse der Dialektik der Aufklärung und schließlich 4) ein Fazit, das auf Basis der vorhergehenden Analysen die eingangs gestellte Frage plausibel beantwortet. Hausers heuristische Felder  entsprechen seiner Fachrichtung – der Philosophie. Das Buch geht über die Interpretation der genannten Werke nicht weit  hinaus, demonstriert allerdings eine gute Kenntnis der zeitgeschichtlichen postmodernen Philosophie, die gewinnbringend und wohl dosiert zitiert wird. Hauser schöpft jedoch auch aus der Philosophie des 19. Jahrhunderts und erklärt das Denken Adornos anhand von Hegel und Marx. Ferner verfügt die Publikation über ein breites Fußnoten-, Quellen- und  Literaturverzeichnis.

            Warum schreibt man heute über Adorno? Hauser zeigt zuerst den gegenwärtigen philosophischen Hauptdiskurs auf: den Streit über die Aufklärung. Hat die Aufklärung in ihrem Emanzipationsanspruch versagt und verdient nur die Verdammung, wie die Poststrukturalisten behaupten, oder wurde sie gerade im Gegenteil nicht vervollständigt und ist es nötig, sie durch eine neue universelle normative Rationalität zu vollenden, wie es von der Habermas‘schen Seite her ertönt? Hauser behauptet: weder das eine noch das andere. Es sei notwendig, auf Adorno zurückzugreifen, weil nur er – gegen den Poststrukturalismus und Habermas – dialog- und dialektikfähig sei, so dass nur er im Stande sei, das Rationelle und Irrationelle zu verbinden. Er könne sogar derjenige sein, der zu einem „Sprungbrett“ zur  Überwindung der Postmoderne werde. Diese Behauptungen Hausers werden in umfangreichen Analysen der beiden oben genannten Werke belegt und erläutert. In Negative Dialektik (1966) hat Adorno das „Nichtidentische“ enthüllt – einen Raum, der sich aus einem ewigen Widerspruch zwischen einem Begriff und einem Gegenstand ergibt, einen Raum, der sich einem Denken entzieht, welches eine systematische und umfassende Aufklärung der Realität anstrebt. Dank der Erfindung des Nicht-identischen widerspricht und zerlegt Adorno den modernen, philosophischen Idealismus, wie ihn sich Hegel, Husserl, Heidegger oder Bergson vorstellen. Er zeigt seine Unvollständigkeit und – in seiner Sicht – seine Unwahrheit. Adorno wird hier vorgestellt als historischer Materialist – als Postmarxist. Als Philosoph, dessen Hauptfragen lauteten: Ist es möglich, das Fatum zu brechen? Kann die menschliche Vernunft gewinnen? Können gesellschaftlichen Antagonismen  gebrochen werden? Ist eine allgemeine Emanzipation möglich? Er wird vorgestellt als Philosoph, der immer mit der Welt, mit den Menschen und mit gesellschaftlichen Fragen verbunden war. Als Philosph, der auf einen neuen kairos – eine neue günstige Konstellation – wartete. Adorno ist in der Sicht von Hauser ein „Marx-Innovator“.

            In der Dialektik der Aufklärung (1944), zusammen mit Horkheimer geschrieben, zeigt Adorno den Weg der Vernunft vom Animismus über die Mythologie zur Aufklärung – den Weg der Vernunft, der durch zwei Momente bestimmt wird: zum einen durch ein Loslösen der Menschen von den Fesseln der Natur und zum anderen durch den Weg des Verstandes zu einem Absolutheitsanspruch. Letzterer hat in Adornos Deutungsmodell gewonnen: Die Aufklärung – die triumphierende Vernunft und Rationalität – habe sich in eine neue Herrschaft verwandelt, die Vernunft sei zur Unvernunft und der Dialog ganz eingestellt worden. Die Rationalität sei zur Instrumentalvernunft geworden – unfähig zu jeglicher Selbstreflexion. Die Emanzipation sei gescheitert.

            Im Fazit kehrt Hauser zurück zu seiner einleitenden Frage: Während die Habermas‘sche universelle normative Rationalität keine Ganzheit umfasse (sie ignoriert die Irrationalität) und deswegen weltfremd sei, ferner die Derrida‘sche (und Foucault‘sche und Lyotard‘sche) Dekonstruktion durch ihren Schwerpunkt auf eine spontane Singularität (auf das radikale Einzelne) unrealistisch sei, sei nur Adorno fähig zum dialektischen, beweglichen Denken. Adorno – der negierende und zerstörende Philosoph: Er widerspricht begrifflichen und philosophischen Systemen und erfindet in den Trümmern einen neuen Raum, neue Emanzipationskeime. Und wenn ein neuer kairos komme, wenn neue „post-postmoderne“ Emanzipationsprojekte  entstünden, wenn eine neue „große Erzählung“ eintrete, dann sei es – Hauser zufolge – notwendig, auf Adorno zurückzugreifen und sich auf sein Denken, das auf der Bewegung, dem Dialog und der Forderung nach einer radikalen Selbstreflexion basiert, neu zu besinnen.

            Wollen wir Hausers Buch kurz rekapitulieren und bewerten, so sollten wir zwei Schlüsselmomente anführen: Erstens handelt es sich um Hausers Deutungsmodell – um ein Deutungsmodell, das den Postmarxismus Adornos akzentuiert. Es ist allerdings möglich, Adorno auch anders zu lesen , wie zum Beispiel Habermas im Werk „Der philosophische Diskurs der Moderne“ (1988), wo Adorno als Irrationalist neben Hegel, Nietzsche, Heidegger, Derrida, etc. eingeordnet wurde.  Zweitens handelt handelt es sich um ein fachlich hervorragendes Buch, darüber hinaus um das einzige Werk dieser Art in der tschechischen Sprache, das dem Leser das Denken eines der größten deutschen Philosophen des 20. Jahrhunderts nahe bringt. Überdies bettet es das Thema kompetent in aktuelle Kontexte ein – in die Koordinaten der heutigen (und vielleicht auch der zukünftigen) Philosophie.

Michael Hauser: Adorno: moderna a negativita [Modernität und Negativität], Praha, Filosofia – nakladatelství Filosofického ústavu AV ČR 2005, 230 S., ISBN 80-7007-223-7.

In: Teritoriální studie
FSV UK - Studia Territorialia-AUC 2009/III